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3 Fragen an - Dr. Patrick Wertmann.

Im Frühjahr 2019 hat Dr. Patrick Wertmann im German Centre Beijing eine Vortragsreihe unter dem Titel 'Archaeological Sites and China's Mega Projects' gehalten. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um Herrn Wertmann zu Chinas jahrtausendealter Geschichte, archäologischen Endeckungen und persönlichen Museumstipps zu befragen.

Bild: Dr. Patrick Wertmann

1. Warum ist Wissen über archäologische Entdeckungen in China gut für deutsche Firmen?

China ist eine der ältesten Zivilisationen der Erde und ein Land mit einer jahrtausendealten Geschichte. Archäologische Entdeckungen reflektieren Werte und Empfindlichkeiten der Menschen. Sie geben Einblicke in die Gesellschaft, die Philosophie sowie die Regierungs- und Handlungsweisen, in der Vergangenheit, genauso wie in der Gegenwart. Ein Grundwissen über chinesische Archäologie und Geschichte ermöglicht es, die kulturelle Kluft zu überbrücken, chinesische Partner besser zu verstehen und eine gemeinsame Basis an Wissen aufzubauen, die unerlässlich für eine effektive Kommunikation ist. 

Hinzukommt, dass seit den letzten Jahren die Erforschung und populärwissenschaftliche Verbreitung von Wissen über archäologische Entdeckungen in China von der Regierung in großem Maße gefördert wird. Als Folge entstehen im ganzen Land Museen – insbesondere archäologische Fundplatzmuseen und Parks – in denen lokale Geschichte präsentiert und ein neues Identitätsbewusstsein in der Gesellschaft geschaffen werden soll. Archäologische Funde sollen – wie von offizieller Seite gefordert – zum Leben erweckt werden, um die „glorreiche“ Vergangenheit des Landes wiederzubeleben. Auch auf internationaler Ebene spielt die Archäologie eine immer größere Rolle als Soft Power in der Diplomatie. So wird wirtschaftliches und politisches Handeln immer häufiger mit archäologischen Entdeckungen legitimiert. 

Firmen, die in China erfolgreich und auf Augenhöhe agieren wollen, sollten diese Entwicklung im Auge halten. 

2. Wie sehen Sie Ihre Funktion als Spezialist zu chinesischer Archäologie und Kulturerbe?

Den meisten Europäern ist bekannt, dass China eine lange reiche Geschichte hat. Jeder kennt die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers, die Verbotene Stadt in Peking und die Große Mauer. Weitaus weniger Europäer haben allerdings jemals von der Miniaturversion der Terrakotta-Armee in Xuzhou, dem Grab des Marquis vom Staat Haihun in Nanchang oder dem Song-zeitlichen Schiffswrack Nanhai Nr 1 in Yangjiang gehört. Diese Funde gehören zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen Chinas der letzten Jahrzehnte. In groß angelegten Kampagnen werden die Funde freigelegt und dokumentiert, ihre Präsentation und Erhaltung umfangreich vom chinesischen Staat gefördert. Viele der archäologischen Fundplätze werden in modernste Museen integriert oder in große archäologische Parks umgewandelt. Dass man darüber außerhalb Chinas so wenig erfährt, hat einen einfachen Grund: Die Berichte über Neuentdeckungen und Ausstellungen werden vor allem in chinesischer Sprache veröffentlicht. 

Meine Rolle sehe ich darin, eine Brückenfunktion zwischen den beiden Kulturen zu erfüllen und aus dem reichen Fundus an Informationen zu Archäologie und Regionalgeschichte in China ausgewählte Themen für Wissenschaftler und Laien zugänglich zu machen, zum Beispiel in Form von Vorträgen – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche – oder populärwissenschaftlichen Artikeln. 

3. Welches Museum sollte man in China auf jeden Fall gesehen haben?

Das ist eine schwere Frage. In den letzten Jahren habe ich über 160 Museen in ganz China besucht, die sich alle grundlegend voneinander unterscheiden. Eines der Museen, welches mich in letzter Zeit besonders beeindruckt hat, war das Baiheliang Museum in Fuling bei Chongqing. Baiheliang bezeichnet einen etwa 1.600 Meter langen Felsvorsprung, auf dem sich insgesamt 163 Inschriften aus über 1.200 Jahren befinden. Die älteste Inschrift stammt aus dem 8. Jahrhundert und die Jüngste aus dem Jahr 1963. 114 der Inschriften beinhalten Angaben zum Wasserstand des Yangtses, mit denen Aussagen zu Ernten getroffen werden konnten. Was wir in Baiheliang sehen, gilt weltweit als die längste Sequenz an hydrologischen Daten. 

Was mich sehr bewegt hat, war das Schicksal, das den Ort ereilt hat. Mit dem Bau des Drei-Schluchten-Staudamms war klar, dass Baiheliang überflutet werden würde. Eine Reihe an Ideen wurde vorgetragen, wie man mit dem Ort am besten verfahren sollte. Am Ende entschied man sich gegen eine Verlagerung der Inschriften in ein Museum und für den Bau des ersten Unterwassermuseums Chinas. Nur so konnte man den ursprünglichen Gedanken des Ortes erhalten. Entwickelt wurde ein spezieller Container, der von innen mit Wasser gefüllt wurde und den Fels mit den Inschriften umschloss. Nach der Fertigstellung des Staudamms befindet sich der Container mit den Inschriften heute 43 Meter unterhalb der Wasseroberfläche. Über eine Rolltreppe in die Tiefe haben Besucher Zugang zu einem langen Kanal, durch den sie laufen können und die Inschriften – wie in einem U-Boot – durch Bullaugen besichtigen können.

 

Dr. Patrick Wertmann arbeitet für den Deutschen Akademischen Austauschdient (DAAD) in Peking. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Renmin University of China und im Pekinger Büro des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) tätig.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der alten Seidenstraße, sowie der Frage, inwieweit Chinas historische Vergangenheit dazu genutzt wird, um ein neues Identitätsbewusstsein in der Gesellschaft zu schaffen.

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