Portrait.

Stoffen Seele verleihen.

Kathrin von Rechenberg - Eine deutsche Unternehmerin in Peking.

Seit 1911 wird anlässlich des "Internationalen Tages der Frauen" in vielen Ländern auf soziale und politische Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht. Der Internationale Frauentag wird stets am 8. März gefeiert. Die Vereinten Nationen ehren mit diesem Tag die Rechte der Frau und den Weltfrieden. Wir nehmen dies zum Anlass eine beeindruckende deutsche Unternehmerin in Peking zu portraitieren.

Stoffen Seele verleihen.

Zum Pekinger Kunstmuseum ist es nur ein Katzensprung. Kaiserpalast und Kohlehügel sind auch nicht weit entfernt. Das Viertel zwischen der Östlichen Di'anmen-Straße im Norden und der Wusi-Straße im Süden atmetet Geschichte. Wo das französische Kunstzentrum Yishu 8 heute sein Domizil hat, befand sich bis zum Ende der 1940er die 1920 geründete Chinesisch-Französische Universität. Vor sechs Jahren hatte Kathrin von Rechenberg dort eine ihrer großen Modenschauen. Jetzt ist sie mit ihrem Atelier hierhergezogen. Es sei ein Ort der Kultur, der Kunst und Kreativität sowie der Inspiration, meint die Modemacherin. Die hohen Fenster geben den Blick in den altehrwürdigen Hof frei. Und die geschnitzten Holzrahmen werfen bei Sonnenschein imposante Schatten auf die silbergrauen Wände - Impressionen, die ihren Stoffen gleichen. Auch die tief-dunkelrote Farbe des alten Parkettfußbodens, den Kathrin von Rechenberg wieder zum "Leben erweckt" hat, erinnert an die Materialien, mit denen sie arbeitet.

Materialien zum "Leben erwecken": Das Atelier rechenberg im französischen Kunstzentrum Yishu 8 in Peking.

Label in Peking. Nach der Schneider-Lehre in München absolvierte Kathrin von Rechenberg ihre Gesellenzeit beim Pariser Couture-Haus Jaques Fath, wo sie noch einmal von vorn begonnen habe, zu lernen, um Modellistin zu werden. Dann das Studium an der Ecole de la Chambre Syndicale de la Couture Parisienne und anschließend vier Jahre Tätigkeit für die Pariser Haute Couture.In dieser Zeit lernte sie die taiwanische Modeschöpferin Sophie Hong kennen, die sie mit nach Taiwan nahm - als Unterstützung bei der Entwicklung ihrer Kollektionen für Europa. Fünfmal war Kathrin von Rechenberg in Taipei und fuhr im Jahr 2000 von dort über Hongkong aus reiner Neugier nach Peking. Beeindruckt von der Vielfalt der guten Stoffe und der Vielzahl der Schneiderwerkstätten, hat sie eine berufliche Chance gewittert. Als Kathrin von Rechenberg dann auch noch ihren Mann kennenlernte, fiel die Entscheidung, in Peking zu bleiben, ein eigenes Label aufzubauen und das Atelier rechenberg zu gründen. Denn es stellte sich heraus, dass die lokalen Schneider mit ihren Kreationen, bei denen es um Millimeter geht, um Details, nicht umgehen konnten. Während sie sich selbst mit einem Bildhauer vergleicht - ihre Entwürfe modelliert sie -, sagt Kathrin von Rechenberg: "Nähen ist nicht Nähen, es kommt darauf an, wie die Stoffe angefasst werden, wie die Nadel geführt wird."

 

Jedes Stück ein Unikat: Die Kollektion von Kathrin von Rechenberg aus Teeseide.

Besser ausbilden. Leider habe Handwerk in China "keinen guten Klang", stellt sie fest. Im Handwerk zu arbeiten gleiche fast dem typischen "Gesichtsverlust". Viele machten es nur, weil sie keine anderen Chancen sehen. Dabei könne das Land auf eine lange handwerkliche Tradition zurückblicken, gerade in der Schneiderkunst. Wenn China mit mehr Kreativität seinen "chinesischen Traum" verwirklichen wolle, dürfe das Handwerk nicht außer Acht gelassen werden, findet Kathrin von Rechenberg.Als Chefin sieht sie sich in der Pflicht, die Mitarbeiter zu motivieren, nicht nur Aufträge abzuarbeiten, sondern eigene Ideen zu entwickeln. Ihre zwölf Kollegen hat sie alle selbst ausgebildet. Für Kathrin von Rechenberg ist das selbstverständlich. Sie sagt, zwar nicht die Kraft zu haben, sich für den Aufbau einer überbetrieblichen Ausbildung im Schneiderhandwerk nach deutschem Vorbild einzusetzen, würden aber deutsche Stiftungen so etwas initiieren, wäre sie sofort mit dabei. Ihr selbst bereite es Freude, Wissen weiterzugeben, ganz im Gegensatz zu vielen chinesischen Meistern, die, wie es heißt, glauben, "hungern zu müssen, wenn sie dem Lehrling zu viel Wissen vermitteln".

Motivation und eigene Ideen entwickeln: Das Team des Atelier rechenberg.

Teeseide entdeckt. Ihre Kreationen, jedes Stück ein Unikat, bezeichnet sie als "schlichte Kleider, die mit künstlerischem Auge gestaltet wurden und nicht geeignet sind, den Reichtum des Mannes der Trägerin zur Schau zu stellen". Ihre Kundinnen sind vor allem Chinesinnen, junge Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, ihr eigenes Geld verdienen und Stolz auf die chinesischen Traditionen sind. Denn es sind chinesische Kleider, die jedoch "nicht laut schreien: 'Hallo, ich bin Chinese!'". "Chinesisch" sei eben mehr als das typische Rot und auch mehr als die Mode der Qing-Zeit.Das Besondere ist der Stoff, den Kathrin von Rechenberg für sich entdeckt hat - die Teeseide aus Südchina. Es ist ein sehr leichtes, luftdurchlässiges Material, das durch seine besondere Herstellung dennoch eine bestimmte Schwere erhält. Die Teeseide zeichnet sich durch ihre braun-schwarze Färbung aus. Mit dem Saft der Shuliang-Wurzel (署莨) erhält sie in bis zu 30 Färbestufen ihre typische braune Farbe, ehe zum Schluss mit eisenhaltigem Flusssand von den Ufern des Perlflusses die eine Seite schwarz gefärbt wird. Kathrin von Rechenberg hat die "Nervosität" des Stoffes angezogen, seine Zweifarbigkeit, und sie sagt, dass die Verarbeitung viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Kathrin von Rechenberg in mitten der zum Trocknen ausgelegten Teeseide.

Kreativität überzeugt. Jedoch musste Kathrin von Rechenberg auch lernen, dass die von ihr so bewunderte Teeseide für Chinesen anfangs längst nicht so begehrenswert war. Denn während der "Kulturrevolution" trugen in den Filmen die "schlechten Elemente" Kleider aus eben diesem Stoff. Das hat zu einem tief sitzenden Vorurteil geführt, dem Kathrin von Rechenberg nur mit überzeugenden Kreationen begegnen kann. Mit Erfolg.Immer auf der Suche nach neuem, hat sich die Modeschöpferin inzwischen darauf verlegt, auch eigene Stoffe zu gestalten. So,wie sie den alten Boden in ihrem neuen Domizil selbst geölt hat, "um sich dem Ort besser zu nähern", färbt sie inzwischen auch selber Stoffe mit Naturfarben- nicht nur um Materialien zu haben, die farblich perfekt zur Teeseide passen, sondern auch um Stoffe zu kreieren, in denen ein Stück ihrer Seele steckt.

Autor: Peter Tichauer

Koordination: Nathalie Birenbaum

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